Aktuelles
       Termine
       filosofie
       d.i.y.
       poetry
       schoene neue welt
       ohren/augen
       Reviews
       online-ausgaben
       kontakt
       links
       merchandise
       impressum

logo
Fuck (c) - und die Alternative [click]
  logologo

Der Buchtipp: Neues von der Heimatfront
erstellt am 03.12.2008 von großmutter futziwolf


Des aponauten beliebtester und fleißigster Autor von Short-Stories, Rüdiger Saß, hat fast einen Roman geschrieben. Per Definition kluger Leute soll der Roman Neues von der Heimatfront kein wirklicher Roman sein, was es nun genau ist, vermag mal wieder keiner so genau zu sagen. Das es bei Rüdiger Saß auf keinen Fall vorweihnachtlich nett zu geht, das kann ich euch versprechen.



die rezension von Urs Böke:
Rüdiger Saß
NEUES VON DER HEIMATFRONT
Bench Press Publishing 2008
ISBN 13-978-3-933649-25-6
http://www.myspace.com/benchpressverlag

Pinkelpause für Moralisten

Wer beim Griff zu Saß‘ neuestem Werk einen tatsächlichen Roman erwartet, sollte seine kleinen Stinkefinger davon lassen. Wer hingegen seinen Stinkefinger gern der Welt zeigt, sollte unbedingt zugreifen. Saß, der bisher eher auffiel und ausfiel durch hintergründige, ironische und aberwitzige Erzählungen, die nicht immer überzeugen konnten, taucht mit NEUES VON DER HEIMATFRONT komplett in die Schützengräben des Alltags ein. Dieser angebliche Roman ist eine assoziierte Abrechnung mit der Welt in einer auf Sarkasmus, Unverständnis und Zynismus reduzierten Wirklichkeit, in diesem Buch bleibt niemand verschont.

Das eigentlich bemerkenswerte allerdings ist Saß‘ sprachliche Vielfalt und Raffinesse, mit denen er die Leser durch kurze Abhandlungen, Anekdoten, Eingebungen und Verfluchungen führt, fernab von billigem Sozialkitsch oder suffgefärbtem Bukowski-Plagiat: Saß erfindet Worte und damit sich selbst immer wieder neu, obwohl er durchaus auch über Liebe schreibt: „Ein Jahr verwelkt, ein weiteres Jahr, eines von vielen, von viel zu vielen. Und mit ihm verwelken Brunftkranke, Kitzler und Beschälknechte, zwischen Sorgenfalten eingeklemmt, mit Mundwinkeln bis zum Boden. Sie werden nicht mehr gebraucht, sie finden keine Reibung mehr. Lustspiele werden nur noch in den Köpfen aufgeführt, in Gehirnen voller Erinnerungen, im Rückspiegel der Zeit.“

In diesen Szenarien hat nichts mehr Bestand, und auch ein studierter Soziologe wie Saß reißt der Zeit den einen oder anderen Zahn aus, er scheint genau zu wissen, daß inzwischen allein der Nihilismus die
entscheidende Perspektive ist auf eine Welt, die den Abgrund seit Ewigkeiten verdient.

Und so wird gesoffen, gestritten, gekotzt, es wird gepisst und in Frage gestellt, zahlreiche Bars werden frequentiert und eben nicht heilig gesprochen, es kehrt der Alltag ein und Beamte, Parkbänke und Häuser und eine Alte, die durch die Straßen irrt: „Sie stinkt, und sie redet mit sich selbst, sie klagt Himmel und Hölle an; kein Zweifel, die Schmutzstarrende irrt in Richtung Ausgang. Die einzige Tiefe, die ihr das Leben schenkt, ist ein Grab.“

Saß verstört und giftet, und er tut dies, ohne es furchtbar betonen zu müssen. In der Hinterhand hält er sich immer noch ein Augenzwinkern offen, damit er weiß: Die Welt dreht sich weiter.

Urs Böke

[ Zurück ]



 

[ aponaut - Zeitung für kulturelle Entwicklung | e-mail | Internes ]